D01a. BGE 2017

Leben nach Korsakow

Ein problème nouveau – Was kann man eigentlich mit 10 Mio. Euro machen?

Ein Plädoyer für das bedingungslose Grundeinkommen

Eine außergewöhnliche freie Journalistin zieht nach 17 Jahren in Sydney
zurück nach Deutschland, um endlich Zeit mit ihrem jetzt nüchternen, aber
halbseitig gelähmten Vater (77) im Seniorenheim auf dem Land zu verbringen.

"Haben Sie fünf Minuten Zeit? Es geht um Ihre Zukunft,
es geht um Ihre Karriere." Das sagte ein Prof. zu mir.

In Sydney arbeitete ich vor allem freiberuflich für den in Australien berühmten Bestsellerautoren Peter FitzSimons, entweder von zu Hause aus oder der Staatsbibliothek von New South Wales. Ich recherchierte, redigierte und übersetzte Infos über den ersten oder zweiten Weltkrieg für den gut zwei-Meter-großen Mann (und Ex-Nationalspieler des Rugby-Teams), der eine auffällige rote Bandana trägt und pro Jahr mindestens ein dickes und unterhaltsames Sachbuch schreibt. Einmal war ich zudem für gut anderthalb Jahre eine Teilzeitredakteurin im Verlag. Die Kombination war prima, bis viele Jobs gekürzt wurden. Seit 2009 bin ich doppelte Staatsbürgerin (deutsch und australisch). Die legale Migration ist ein Thema für sich.

Zum Sydney Writers' Festival kommen
jährlich mehr als 80.000 Besucher.

Nach meinen circa 40 Jobs (meistens in den Medien), aus denen ich einige Male heulend rauslief (weil ich mich eingeengt fühlte), fand ich bei Peter seit 2005 mehr oder weniger beständige Arbeit. Allerdings stiegen die Mieten in Sydney so sehr an, dass ich zuletzt weitgehend für das Geld an den schon reichen Vermieter aufstand, arbeitete und schlafen ging.

Aussicht von der geliebten Wohnung in Sydney

Viele Beschäftige fahren mit dem Auto (wiederkehrende silberne Staus auf dem zum Teil neunspurigen Freeway, der Autobahn gen Harbour Bridge in die Innenstadt der fast Fünf-Millionen-Metropole) oder per Bus und Bahn (eng zu Stoßzeiten) zum „9 to 5“/Vollzeitjob – und dann ab 17 Uhr wieder zurück. Unserer Ozonschicht hilft so ein Rat race, Hamsterradrennen sicherlich nicht.

Recherche in der Staatsbibliothek

Ich bewegte mich im schwarzen Schnellschritt voran, aß nebenbei, trank viel Kaffee  am liebsten den starken Large Flat White, den es in Sydney an jeder Ecke gibt. Wie bei Millionen von Menschen weltweit wirkt auch bei mir seit Jahren die tägliche Sertralin-Tablette gegen (Existenz-)Ängste und Depressionen.

Zusätzlich zu meiner freiberuflichen Arbeit, die nach Auftragslage u.a. fluktuiert, half es mir erheblich, dass der australische Staat (Centrelink dort entspricht dem Jobcenter hiermein Honorar alle zwei Wochen aufstockte. So konnte ich jahrelang immerhin schuldenfrei leben.

Meine Leidenschaft ist das Tagebuchschreiben. Mein Wunsch ist die finanzielle Sicherheit.

Stress: lauter Allergien

Eine französische Korrespondentin und Freundin postete auf Facebook, ihr lieber Vater sei gestorben. Ich dachte an meinen Vater: Der "Papabär" und ich skypten jeden Sonntag für ein bis zwei Stunden, wofür uns das Team vom Altenhilfezentrum „Haus Sonnenschein“ vom Deutschen Roten Kreuz in Burg (Dithmarschen) seinen Dienstlaptop zur Verfügung stellte und ihn für unsere Videogespräche vorbereitete. Mein Vater juxt oft: „Sonja, hier passieren ganz komische Sachen...“ – „Was denn?“ – „Dass ich noch lebe zum Beispiel!“

Mein Vater und ich skpyten sonntags.

Nach krankhaften jahrzehntelangen „runden Füßen“ sitzt er nun nüchtern im Rollstuhl. „Ein Scheiß ist das!“, schimpft er. Er jongliert mit Wortfindungsstörungen und Gedächtnislücken und schluckt eher widerwillig lauter Tabletten, die es aber wohl vor allem sind, die ihn (den zähen Kapitän a.D.) am Leben erhalten.

Eine grobe Sortierung der Krankenakten meines Vaters

An meinem Schreibtisch in Sydney fragte ich mich schließlich: „Wenn ich jetzt keine Zeit mit Papa verbringe, wann dann?“. Ich wollte später nichts bereuen und mir die Vorwürfe machen: „Hätte, hätte, hätte ich bloß...“ Einige Verwandte, mit denen ich noch sprechen wollte, waren über die Jahre schon am hohen Alter gestorben.

Mein Home Office in Sydney

Von meiner Bank in Sydney bekam ich einen Kredit von knapp A$20.000 (ca. 13.000 Euro), obwohl ich nur etwa ein Fünftel davon beantragt hatte und kaum Sicherheiten vorwies. A$10 pro Monat an Gebühren und knapp 14% Zinsen fielen bei Nutzung des Kredites an.

Kredit bekommen: es kann losgehen

Peter staunte über den Kredit, als wir im Garten von seiner Villa, wo er mit seiner Frau 
 Lisa Wilkinson, einer beliebten TV-Moderatorin  und drei Kindern bzw. Teenagern wohnt, darüber sprachen. Er zitierte eine englische Redensart: „You cannot drain blood from a stone“ – gemeint ist: man kann kein Geld von einer armen Person (zurück-)bekommen. 

Peter mit meinem und ich mit seinem Buch
(neues Cover meines derzeitigen Buches)

Peter fliegt oft geschäftlich durch die Welt. Deshalb fand er es erstmal egal, ob ich nun von Sydney aus oder von Dithmarschen aus – hauptsächlich eh online – für ihn arbeitete. Mein Vermieter erlaubte mir das Untervermieten der Wohnung. Und Freunde sagten, wir blieben über soziale Medien in Kontakt.

Mit Clare und Liz beim Brunch: sie recherchieren ihre Familiengeschichte.

Das 30-Kilo-Gepäcklimit nutzte ich für meine Tagebücher, die Technik kam ins Handgepäck. Ich plante, in Deutschland die Biografie meines Vaters zu schreiben; ihm sanft wichtige Fragen zu stellen, auch um einige persönliche Rätsel zu lösen, solange es noch möglich ist.

30 Kilo Tagebücher im Koffer verstaut

*** 

Der Luftkurort Burg in Dithmarschen mit rund 4000 Einwohnern hat einen hügeligen Wald, liegt am Nord-Ostsee-Kanal, und das DRK "Haus Sonnenschein" mit gut 80 Bewohnern stellt die meisten Arbeitsplätze im Ort. Flüchtlinge hier und da grüßen so, wie es hier üblich ist, mit "Moin" auf der Straße.

Im Ortskern von Burg (Dithmarschen)

Zuerst wohnte ich im Gästezimmer vom DRK-Altenheim in Brunsbüttel, zog dann nach Burg, wo ich in einem Ferienhaus, einer Ferienwohnung, einer Monteurwohnung und einer Gartenlaube unterkam. Schließlich zog ich selbst (mit 44) ins "Haus Sonnenschein" ein, in dem mein Vater wohnt.

Wiedersehen in seinem Einzelzimmer: Papa und ich

Der graue 60er-Jahre-„Bunker“ bietet auf drei Etagen Doppel- und Einzelzimmer für Senioren. Die meisten Bewohner haben einen Pflegegrad. In den drei Wohnungen im obersten, vierten Stock des Hauses leben ein liebes Ehepaar in Rente, ein Mann mit einem lahmen rechten Arm und nun auch ich. Freunde packten tüchtig bei den Umzügen und beim Renovieren mit an.

Mit Vera am Renovieren im "Haus Sonnenschein"

Nach endlich bewältigter Bürokratie erreichten mein Vater und ich den gewünschten Betreuerwechsel. Der junge Amtsrichter, der mit links schreibt, besuchte uns mehrmals persönlich und bestellte mich dann zur gesetzlichen ehrenamtlichen Betreuerin meines Vaters. Jubel und Erleichterung bei uns, denn die vorige (Berufs-)Betreuerin hatte mehr als 30 oder 40 andere Leute, um die sie sich schon kümmerte. Nun konnten wir loslegen: ein neues Gebiss für meinen Vater, einen neuer Rollstuhl, mehrmalige Anpassung der Medikamente, monatliche Blutuntersuchungen und die Vorbereitungen für eine Augen-OP im UKE in Hamburg.

Mein Vater und ich beim Eisessen in Burg

Freunde, die uns in Burg besuchten, lobten mich. Ein enger Vertrauter, der selbst Jahrzehnte lang trank und nun seit über zehn Jahre nüchtern ist, schrieb mir: "Dass dein Vater wieder so auflebt, hat nur mit deiner Anwesenheit und deiner Fürsorge zu tun  ganz prima! Und du fühlst dich auch wohl dabei und bist mit dir im Reinen." Ich habe das Leben meines Vaters verbessert; ich fühle Stolz und Freude, so verbesserte ich auch meins.

Mein (unbezahlter) Beitrag in der "Dithmarscher Landeszeitung"
vom Oktoberfest 2016 im "Haus Sonnenschein"

Meine Mutter – ursprünglich aus Finnland und seit fast 40 Jahren die Ex-Frau meines Vaters – wohnt liebend gern in Hamburg. Auch sie kam uns hin und wieder besuchen, was meinen Vater und mich sehr freute. Sie aber sagte mir, dass sie es leider zu belastend findet. Zu viele alte Wunden. Sie sagte mal, in der Zeit, als mein Vater noch trank, hätte sie ihn „mit einer Eisenstange erschlagen können“.

Meine Mutter und ich in der TEE-Burg

Für meinen eigenen Seelenfrieden besuche ich die wöchentliche Selbsthilfegruppe vom Blauen Kreuz in Burg für Alkies und Angehörige. Die Teilnahme an Gruppen lernte ich in Sydney zu schätzen. Die Meetings helfen mir auf eine fast magische Art, im Leben besser klar zu kommen.

Ich lerne: Keep An Open Mind

Dann und wann muss mein Vater ins Krankenhaus, weil die Langzeitfolgen seines Trinkens und dazu das Älterwerden lebensgefährlich sein können. Die Ärzte in den Kliniken in Brunsbüttel, Heide und Itzehoe scheinen ihn schon zu kennen. Ich fuhr einige Male im Krankenwagen mit.

Im Krankenhaus warten

Mein Vater und ich, zusammen mit zwei Pflegerinnen vom „Haus Sonnenschein“, änderten seine Patientenverfügung, damit er – wenn es dann später einmal dazu kommen wird – in seinem schönen Zimmer sterben kann. Er wiederholt oft im Spaß: „Auf einmal is’ man dod, und man weiß dat gar nich’!“ Er shakert auch mit den Frauen vom Team: "Krieg ich 'n Kuss?". Früher nannte er Krankenschwestern lieblich "Haubentaucher".

Pflegerin Daniela mit meinem Vater

Was mir hier im Seniorenheim deutlich wird: Alles, was wir Menschen haben, ist Zeit. Manchmal brennt im Büro eine kleine Kerze und ein eingerahmtes Schild zeigt, wer gestorben ist. Im Fernsehen hörte ich das Zitat: „Zeit muss man sich nehmen, sonst hat man keine“. Zudem hörte ich hier, dass das Geld von drei Generationen für die Unterkunft einer Person im Heim draufgehen kann. Ich frage mich: was ist im Leben wichtig?

Poster im Krankenhaus: was ist wichtig?

Mein Vater will stets, dass ich mehr mache; meine Mutter, dass ich besser bin; und Peter, dass ich schneller arbeite. Peter hat, so wie ich, den Alkohol (vorsichtshalber) aufgegeben. Er gab zudem auch Zucker auf und hat dadurch über 40 Kilo abgenommen. Als mein Vater und ich an seiner Biografie arbeiteten, meinte er irgendwann lieb und erstaunlich einfühlsam: „Sonja, Du machst zu viel“. (!) Ich lerne – vor allem dann, wenn ich im Heim auf den so laaaahhngsamen Fahrstuhl warte –, das Leben r-u-h-i-g-e-r angehen zu lassen. Oftmals gehe ich jetzt mit bewusst entschleunigtem Gang. (Viel Kaffee trinke ich immer noch.) Ein Burger Arzt sagte mir, es sei okay, mal die Seele baumeln zu lassen. Aber wie soll man denn das Leben bezahlen?!

Australische Dollar

Schon manisch arbeitete ich wochen-/monatelang mit meinem Vater an „Prost Kaffee: Biografiearbeit im Altenheim, Kindheit (1939–1945)". Fokussiert puzzelten wir Infos zusammen und hatten letztendlich 180 Seiten mit 100 Fotos und über 500 Endnoten, vor allem für Quellenangaben.

Erstmal mit den Familienfotos einen Überblick bekommen

Der freie Journalist Marc Thaden interviewte meinen Vater und mich für drei Stunden im "Haus Sonnenschein" und schrieb einen schönen Beitrag über uns, der mit Foto in der „Dithmarscher Landeszeitung“ und auch im „Dithmarscher Kurier“ erschienen ist.

Mark Thaden interviewt meinen Vater.

Einige Familienfragen klärten sich ein für alle mal, zum Beispiel, dass es nicht Bier war, das meinem Vater als Vierjährigen das Leben rettete, sondern Malzbier als Sechsjährigen. Ein Mythos entzaubert. Nun weiß ich auch, wer "Opa und Oma Wannsee" und "Emmchen, der Käfer" und dieser "Knippelkunze" waren. Zudem löste sich die sowieso sinnlose Frage nach dem "Warum trank er?" bei unserer Biografiearbeit auf.

In den letzten Produktionsschritten redigierte und formatierte ich unser Werk, lud es bei www.twentysix.de hoch und biete es auf Amazon an. Dann machten mein Vater und ich munter Werbung für unser Buch, verteilten Visitenkarten dafür. Leuten, denen wir das Buch geschenkt hatten, gaben uns positives Feedback, und wir planten Band 2: über die Jugend meines Vaters in Berlin (1946–1952).

Höhenflug! Unser Buch auf Amazon

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Dann der Crash: Mittlerweile war mein Bankkredit weitgehend aufgebraucht. In Sydney bezahlten die Untermieter ihren Anteil unregelmäßig. Der letzte Typ hinterließ eine eklige, schmutzige Toilette. Nach gut 12 Jahren Arbeit für Peter mailte er mir, jemand anderes werde meine Aufgaben übernehmen. Schock! Meine Versuche, in Burg oder Umgebung Arbeit zu finden – unter anderem beim Bäcker, Bauern und in einer Bibliothek –, waren gescheitert. Gleichzeitig stiegen die Schulden samt der Zinsen an. Die Versicherung der Bank in Sydney lehnte meinen Härteantrag indirekt ab, indem sie Unterlagen von mir forderten, die ich nicht erbringen konnte. Immerhin wurden mir die hohen Beiträge für die Versicherung zurückerstattet.

Bewerbungen: mündlich und schriftlich

Geknickt ging ich in Deutschland in das Jobcenter, weil ich kaum noch Münzen fürs Essen hatte (wieder diese Existenzängste spürte), und kam dort verärgert und auch verwundert wieder raus. Ich riss mich zusammen und tat, was die Beamtin auf ihre Art von mir gefordert hat; am Ende bekam ich auf mehrere Monate verteilt insgesamt gut 1200 Euro. Als das Geld kam, half es sehr.

In Meldorf (wo das Jobcenter ist) gibt es ein finnisches Café.

Die Nachrichten berichteten von der Schweizer Abstimmung über das bedingungslose Grundeinkommen (BGE). "Welch eine naive Idee!", dachte ich mir. Später stellte die 3sat-Sendung „Makro“ das Konzept genauer vor und erwähnte dabei die BGE-Partei.
Nach einigen Recherchen wurde ich zum ersten Mal ein Parteimitglied. Ich wollte mich gleich für sie engagieren, hatte aber nicht genug Geld, um zu den Treffen in Kiel oder Hamburg zu fahren (außer ein Mal). Frustrierend.
Nicht mal das Prepaid-Handy konnte ich aufladen (15 Euro), und dazu setzte das Internet immer wieder aus. Die IT-(Not-)Lage würgte nicht nur meine Mitarbeit für die Partei ab, sondern auch meine Tele-Arbeit für Peter. Stress.

Mark Zuckerberg (der Gründer von Facebook) meinte, arme Leute seien zu sehr mit ihren Existenzsorgen beschäftigt, und mit einem Grundeinkommen könnten sie entspannt, somit kreativ und produktiv sein. Kritiker des BGE betonen wiederholt, dass faule Leute davon profitieren würden. Ich denke dazu: Momentan profitieren aber gierige Leute von dem System. Was ist für die Umwelt besser?

Relief-Karte: im Internationalen Maritimen Museum Hamburg gesehen

Ich hatte auf einen finanziellen Durchbruch mit „Prost Kaffee“ gehofft. Meine "brillante" (?) Idee, 7000 Exemplare zu verkaufen und so meine Schulden zu tilgen, fanden Freunde unrealistisch. Sie hatten recht. Das „Prost Kaffee“-Buch hat sich kaum verkauft. Nicht mal die Kosten für die bestellte und zitierte Literatur kamen wieder rein. Marc von den Zeitungen erschien zum hier-und-da-angekündigten „Prost Kaffee“-Event in Burgs Teeladen – sehr schön, aber leider war er der einzige Gast.

Marc Thaden besuchte meinen Vater und mich im "Haus Sonnenschein".
Hier  solidarisch  alle mit Kleiderschutz beim Mittagessen

Zu allem Übel stritten mein Vater und ich uns. Ausgerechnet im Brillenladen in Brunsbüttel und danach weiter auf der Straße. Er und ich können sehr stur sein. Letztendlich sah ich keine andere Wahl, als die Polizei zu rufen. Ein sanfter Polizist im Streifenwagen fuhr meinen Vater (vorn) und mich (hinten) zurück nach Burg. Ich hatte es satt, wollte die Betreuung hinschmeißen. Mein Vater hatte sich an dem Tag mehr Aufmerksamkeit gewünscht, die ich ihm erst auch gegeben hatte, ich dann aber selbst welche brauchte. Der Zoff zerbracht etwas zwischen uns.

Optiker Maaß nahm sich viel Zeit für meinen Vater.

Im dichten Novembernebel ging ich allein und deprimiert in Burg über die Feldwege zum Kanal spazieren. Schiffe kamen erst hörbar, dann sichtbar näher. Weißer Frost auf dunklen Zweigen. Sorgen. Das eisige Wasser wies auf eine andere Welt. Etwas klang bei mir nach: mein Vater hatte gesagt, unser Buch müsse „wie ein Film“ ablaufen.

Nebel am Nord-Ostsee-Kanal

Resigniert recherchierte ich online Insolvenz- und Bankrottoptionen. Ich erfuhr, ich müsse für vier Wochen in Sydney sein, um erst den Antrag auf „Bankruptcy“ zu stellen und danach einen Ausreiseantrag. Gesagt, getan. In Sydney ging dann alles schneller als gedacht. Somit hatte ich mehr Zeit, um die Reste meines Hausstands etwas günstiger einzulagern. Wieder halfen meine Freunde mit: sie packten mit an, und ich schlief die Wochen bei meiner Freundin Clare auf dem ausgeklappten Sofa. Zu der Zeit hatte ich kein richtiges Zuhause.

Reste vom Sydney-Hausstand einlagern

Meine Wohnung, an der ich so lange tapfer festhalten hatte, hatte ich aufgegeben. Ich gab einem deutschen Reporter von SBS-Radio ein Interview über meine freiwillige Bankrotterklärung, bevor ich (mit dem zweiten Schwung Tagebüchern) zurück zu meinem Vater nach Deutschland flog.
*** 

Beim Online-Banking war nun das Feld mit dem dicken Minus weg. Ich darf vorerst kein Chef einer Firma sein (das sah ich eh nicht kommen); muss den australischen Behörden Bescheid geben, wenn ich international reise (okay); wenn ich mehr als ca. A$55.000 im Jahr verdiene, muss ich die Hälfte von dem Geld über diesen Betrag hinaus zur Schuldentilgung abgeben (gut), und ich darf erst mal keinen größeren Kredit mehr bekommen (sinnvoll). Mein Name steht in einem Insolvenzregister (dann ist das eben so). 
Bei mir ist nichts zu holen: kein Haus, kein Auto, kein Partner. Ich habe auch keine Kinder, nicht mal Haustiere. Meine Lebensinhalte sind das "Recherchieren" (Sammeln von Infos und Erfahrungen) sowie das Dokumentieren (Schreiben, Fotografieren und Filmen). Deutsche und australische Nachrichtensprecher gehören zu meiner virtuellen Familie dazu.

Schriftzug im Foyer vom DRK "Haus Süderdöffte" in Brunsbüttel

Seit Monaten wirke ich ehrenamtlich als Assistentin vom Singkreis und Leiterin der Malgruppe mit, auch als Schriftführerin des Heimbeirats. Für mein kreatives Engagement bekomme ich Marken für das leckere, hier im Haus täglich frisch zubereitete Mittagessen. Die ältere Dame am Tisch sagte lieb und langsam zu mir: "Nun essen Sie mal bloß in Ruhe".  "Ja, mal zur Ruhe kommen."

Gutbürgerliche Küche, täglich frisch zubereitet

Richtig schön: das Zusammensein mit den Senioren und dem Team. Und juhei-rassa, und juhei-rassa! Mein Vater und ich haben über die Jahre so einige Einrichtungen gesehen. Hier ist es "allerbest", wie Dithmarscher sagen. (Im Bojehaus in Brunsbüttel war es auch bestens.)

Bei der Malgruppe am Freitagnachmittag

Was meinen Vater betrifft: insgesamt tut mir die Zeit mit ihm sehr gut. Es ist wie eine Therapie. Wir holen vieles nach, was wir früher verpasst haben. Es scheint mir, als ob ich im Schnelldurchlauf Wichtiges zu meiner Kindheit ergänze (so wie Patches es bei Software tun), dann zu meiner Jugend, und nun so langsam erwachsen werde. 

Happy.

Bei der Augen-OP meines Vaters hat die Chirurgin zwar ein Sehproblem sehr gut behoben worden, aber ein anderes verschlechterte sich leider so sehr, dass er nur wenig sehen kann. Zur Besserung der Lage hilft nur noch eine gelbe Brille. Diese Brille ist prima; ich habe mir auch gleich eine bestellt. Wir nutzen die Zeit, die wir haben, so gut es geht.

Freude: Wilma Kruse und mein Vater beim Erdbeerfest
(Erst seitdem mein Vater im Rollstuhl sitzt hat er Spaß am Tanzen.)

Im Burger Fährhaus – einem schönen Café, Restaurant und Hotel direkt am Kanal – hatte ich mich auf eine Annonce hin als Kellnerin beworben. Bei meinen beiden Probeschichten konnte das Team gleich erkennen, dass ich keine Erfahrung habe. Die Chefin mit vier Kindern stellte mich aber freiberuflich ein, um die Speisekarten zu redigieren und zu formatieren und dann ein 50-seitiges Fotobuch zu gestalten, das bei Event-Planungen Gästen gezeigt werden kann. „Wie findest du das Fotobuch?“, fragte ich sie. Ihre Antwort: „Ein Hammer!“ Stolz.

Bei meiner Arbeit am Fotobuch im Fährhaus

Bald darauf bot Peter mir wieder Arbeit an. Gott sei Dank! Ich weiß nicht, wo ich ohne die Arbeit für Peter wäre. Mein Vater sagte: "Ohne den würde das alles gar nicht funktionieren". Zur Zeit ist Peter in Europa. Er macht Urlaub mit seiner Frau Lisa in Frankreich und Italien. Beide twittern darüber.

Das Jobcenter "quält" mich weiter mit Formalien (mühsam und zeitaufwendig). Ich beschwerte mich, besann mich dann, gab auf, betete sogar für die Beamtin und mailte meine Entschuldigung und dass ich es verstehe, dass sie meine Infos brauchen. Ich tue nun, was die Behörde von mir will, fand so meinen Frieden mit ihr.

Jochcenter und Centrelink-Collage: Wer schon in Not ist und versucht, sein/ihr Leben zu meistern, den/die be-/überlasten solche Briefe vom Jobcenter. Das System in Australien geht besser mit seinen Bürgern um.

Als Nächstes muss ich meiner "Mitwirkungspflicht nachkommen", das heißt alle genannten Beträge in Euro darstellen (wenn ich hier mit meiner australischen Kreditkarte bezahle, sehe ich die Beträge in australischen Dollar beim Online Banking) und bestimmte Quittungen von dem "Bewilligungszeitraum" (1. November 2016 bis 30. April 2017) raussuchen, kopieren und einreichen. Diese Bürokratie behinderte schon mehrmals meine (bezahlte) Arbeit, Ehrenämter und sogar meine Arbeitssuche. Das Jobcenter wirkt verkrustet auf mich.
Bedrückend ist der Umgang mit dem Jobcenter ohnehin. Zuerst war ich froh, dass sie mich mit Maßnahmen u.ä. in Ruhe ließen, später hätte ich doch gern Hilfe, was neue Arbeit oder meine Selbständigkeit betrifft, gehabt. Die erhielt ich dort nicht. Eine emphatische Mitarbeiterin, die für diesen Bereich zuständig war, lernte ich einmal kurz kennen. Sie ist aber leider langfristig krankgeschrieben.
Der Chef des Hauses scheint jeden Morgen seinen Mitarbeiter/innen in den Büros einzeln die Hand zu schütteln. Es ist sicherlich auch nicht einfach für die Beschäftigten dort – das hatte mir jedenfalls meine Sachbearbeiterin gesagt. Muss das alles sein?

Dann kam der G20-Gipfel nach Hamburg. 
Meine Mutter und ich trafen uns beim alternativen Gipfel in der Kampnagel-Fabrik. Dort stellte ich dem Panel zum Thema Geschlechtergerechtigkeit die Frage: "Ein globales bedingungsloses Grundeinkommen: was kann das insbesondere für Frauen bedeuten?".

Auf Kampnagel: ich hatte meine Poster dabei.
Meine Mutter erzählt mir gern von ihrem Tanzen.

Ich schlief bei meiner Mutter in Eimsbüttel. Ihre Mitbewohnerin war fürs Wochenende weg. Wir hörten viele Sirenen und sahen einige Hubschrauber vom Küchenfenster aus. Wir mögen den G20-Gipfel, finden es wichtig, dass sich Staatschefs von der ganzen Welt so auch persönlich treffen können.

Mit Frau Angela Merkel im Kanzlerpark (2015)

Am Samstag nahm ich an der friedlichen „Hamburg zeigt Haltung“-Demo teil, sehe den Event als Möglichkeit, mich zu engagieren. Einige Leute mochten meine Aussagen und trugen einige meiner Poster weiter. Dem Bürgermeister von New York gab ich mein A4-Poster mit.
Meine A3-Poster auf Brust und Rücken sagten: "GLOBAL FREE BASIC INCOME IN 2020, PLEASE (GLOBALES FREIES BASISEINKOMMEN IM JAHR 2020, BITTE)" und "AT LEAST DECENT QUALITY OF LIFE FOR EVERYONE FOR MORE PEACE. THANKS (EIN MINDESTMASS AN LEBENSQUALITÄT FÜR ALLE FÜR MEHR FRIEDEN. DANKE)" und "EINKOMMENSOBERGRENZE? BEI 10 MIO. EURO?"
Ein flotter Fotograf machte ein Foto von einem Polizisten und mir, wie wir eingehakt an den Landungsbrücken entlang gingen. NDR2 zeigt es auf seiner Facebook-Seite, wo es über 1000 positive Reaktionen bekam. Meine Mutter mailte mir: „Das Foto ist sehr gut gelungen! Prima!“ Sie spielt jede Woche beharrlich Bingo und wünscht sich sehnlich, nochmal eine Reise zu gewinnen. Meine Art "Spielsucht" ist es, auf meine Texte und Anliegen aufmerksam zu machen, um von ihnen leben zu können.

"Hamburg zeigt Haltung": NDR2 zeigt dieses Bild.

Bei Zeiten las ich Blake Snyers Buch „Save the Cat“ über das Schreiben von Drehbüchern weiter. Mit Lust und Leidenschaft kreierte ich ein Filmkonzept (drei Akte, 36 Szenen, alle Personen entwickeln sich weiter). Auch solche Arbeit fasziniert und fesselt mich. Aber: kann ich davon leben?

Mein Arbeitszimmer in Burg in seinen Anfängen

Konjunktiv II: Es würde Ironie des Schicksals sein, wenn ich nun durch mein proaktives Schreiben hier reich werden würde (träum!), das BGE mit Obergrenze eingeführt werden würde (möglich?) und deshalb auch ich Geld über ein gewisses Maß hinaus für das Allgemeinwohl abgeben müsste. Un problème nouveau! Ein Problem einer ganz neuen Art! – Was kann man eigentlich mit 10 Millionen Euro machen? Ich würde weiter schreiben, gern weiter für Peter arbeiten und meine Ehrenämter weiterführen und natürlich Zeit mit Papa verbringen. Gern möchte ich einen Batzen Geld an die Stiftungen überweisen, die mich bei meinen Studien in Deutschland und Australien (und Japan) mit Stipendien unterstützt haben. Was alles Weitere (PhD?) betrifft: More will be revealed, es wird sich zeigen.

Was könnte man mit gut 1000 Euro im Monat machen?

Religiös bin ich nicht, aber doch spirituell. Ich denke an das Gelassenheitsgebet und versuche, es anzuwenden: "Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann (Sucht, Älterwerden); Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann (BGE?); und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden." Immerhin habe ich im "Haus Sonnenschein" das Gefühl, meine Lebenszeit sinnvoll zu nutzen und dabei ein besserer Mensch zu werden. Ein Anfang.

Mein Ziel, mal ein Jahr mit meinem Vater zu verbringen,
habe ich erreicht. Dafür bin ich sehr dankbar.

Als ich meinem Vater diesen Text vorlas, sagte er zuerst: „Das ist Schrott! Wen interessiert denn das?“ Ein Film bot letztens an, der Sinn des Lebens sei es, Wissen weiterzugeben. Das versuche ich. Er: „Was willst du denn damit erreichen?“ – „Ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, damit wir zum Beispiel in Ruhe hier weiterarbeiten können“. – „Das wollen ja alle...“ Mein Vater und ich bearbeiteten diesen Text an einem Sonnabend gemeinsam und finden ihn nun beide besser.

Gute Nachrichten zum Schluss: der Bundeswahlausschuss hat den Antrag der Partei Bündnis Grundeinkommen einstimmig angenommen. Das BGE ist im September 2017 in Deutschland wählbar.


Links:


Beim KörberForum in Hamburg gesehen

* Für diesen Text habe ich einige Infos/Erlebnisse zusammengefasst, wodurch die Chronologie nicht strikt eingehalten wurde. Mittlerweile sind mein Vater und ich auch älter (1939 in Berlin und 1972 in Hamburg geboren).

Sonja Görnitz
Joachim Görnitz
Burg, Juli 2017

Eine überarbeitete Version dieses Beitrags wird demnächst auf Amazon als gedrucktes Buch und als eBook erscheinen.

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